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Rede von R. Erdel anlässlich der Partnerschaftsfeierlichkeiten

Meine sehr geehrten Damen,
sehr geehrte Herren

Ein Jubiläumsjahr wie wir es 2010 feiern, hat schöne und wichtige Tage. Heute ist so ein Tag. Über das ganze Jahr verteilt haben wir die unterschiedlichsten Veranstaltungen erleben dürfen. Doch dieses Jubiläumsjahr muss vor allem auch Anlass sein, über unsere Geschichte nachzudenken. Ich will jetzt nicht über die gesamten 775 Jahre unserer Geschichte referieren, das wurde gestern schon in hervorragender Weise gemacht. Erlauben Sie mir aber über einige Zeitabschnitte einige Gedanken vorzutragen Vor 25 Jahren stand die Entwicklung der Verbindung nach Flavignac im Mittelpunkt unserer kommunalen Partnerschaftsaktivitäten. Daraus hat sich eine tiefe und breit gestreute Freundschaft zu den Menschen in Frankreich und in Favignac entwickelt. Wir freuen uns immer wieder, wenn wir Gäste aus Frankreich begrüßen dürfen und viele private Kontakte sind aus dieser kommunalen Partnerschaft entstanden. Wir, die Mitglieder des Gemeinderates und der politischen Führung unserer Gemeinde, sind stolz auf dieses Ergebnis.

Vor 25 Jahren sah die Welt um uns herum anders aus:

Die Grenze nach Osten war durch den Eisernen Vorhang verschlossen. Dresden war für uns weiter entfernt als Paris, London oder New York. Berlin war eine geteilte Stadt. Unsere Sicht auf die Welt ging nach Westen, obwohl viele unserer, auch Dietenhofener Bürger, Verwandtschaft, Brüder und Schwestern in der DDR hatten. Wir hatten Angst vor den nuklearen Potentialen der Großmächte und wir hofften, dass dies nicht in einer großen Katastrophe enden würde. Eine mögliche Revolution in der DDR, zumal eine friedliche, war weit außerhalb unserer Vorstellungskraft.

Liebe Freunde aus Zschorlau,
lieber Herr Bürgermeister Leonhard, lieber Heinz
Dass es ganz anders kam, als wir uns vor 25 Jahren vorstellen konnten ist gut und wir sind alle froh, heute die Partnerschaft mit Zschorlau im Erzgebirge besiegeln zu können. Ich freue mich ganz besonders, vor allem als Bundestagsabgeordneter, dass im zwanzigsten Jahr der deutschen Einheit diese Gemeindepartnerschaft mit Zschorlau offiziell besiegelt wird. Dies ist für mich ein weiteres Zeichen, dass die Wiedervereinigung angekommen ist. Deutsch-deutsch gibt es nicht mehr: es gibt nur noch Deutsch. Deutschland ist heute auch weiter als vor 25 Jahren: wir sind wiedervereint, Deutschland hat sich als stabile Demokratie in der internationalen Staatengemeinschaft etabliert. Dies war nicht immer so. Über Jahrhunderte waren nicht gegenseitige Unterstützung sondern Hass und wirtschaftlicher Neid kennzeichnend für die europäische Politik. Wir deutsche waren an diesen Entwicklungen leider immer beteiligt. Das ganze Mittelalter bis in unsere Zeit hinein gab es Krieg, Vertreibung, Rassismus, Verfolgung und Emigration. Und auch heute noch gibt es Flucht und Vertreibung in vielen Teilen der Welt. Die Gründe waren und sind unterschiedlich, häufig war und ist der Glaube einer der Gründe. Und auch wir in Dietenhofen haben die Folgen solcher Politik erleben müssen. Viele unserer Mitbürger können dies als Heimatvertriebene nach 1945 aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen. Heute sind diese Menschen in der zweiten und dritten Generation Dietenhofener geworden. Das ist gut so. Sie haben eine neue Heimat gefunden und ich denke, sie sind auch eine Bereicherung und ein Gewinn für unseren Ort. Sie alle vergessen aber nie ihren Ursprung, ihre Abstammung und ihre alte Heimat. Ich denke wir können dankbar sein, nun, in Sicherheit und Wohlstand, die längste friedliche Phase in Europa seit 500 Jahren erleben zu dürfen.
In diesem Zusammenhang finde ich es bemerkenswert, dass eben einer dieser Heimatvertriebenen, Herr Kurt Schmiedl, das Engagement der Familie Störzenhofecker aus Kräft unterstützt, Licht in ein fast vergessenes Kapitel unserer Ortsgeschichte zu bringen, von der zwar manche eine diffuse Ahnung hatten, genauere Kenntnisse aber nicht vorhanden waren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste
Ich bin kein Historiker und maße mir nicht an, es mit den Kenntnissen eines Hans Karner oder eines Kurt Schmiedl aufnehmen zu können. Erlauben sie mir aber trotzdem eine kurze Darstellung der Verhältnisse vor ca. 400 Jahren. Europa in den heutigen Grenzen gab es nicht: viele Kleinstaaten bildeten eine undurchsichtiges Geflecht von Interessen, Abhängigkeiten und Bündnissen. Dazwischen betätigte sich die Kirche, in dieser Zeit durchaus als weltliche Macht, reich und einflussreich. Die Türken standen vor Wien und das christliche Abendland war bedroht. Es gab Aufruhr, nachdem ein Mönch namens Luther Thesen verbreitet hatte und darin die staatliche und kirchliche Ordnung kritisiert hatte. Die Bauern rebellierten und die Menschen verweigerten der katholischen Kirche die Gefolgschaft. Erstmals verließen Menschen ihre Heimat aus Glaubensgründen und emigrierten in alle Teile Deutschlands und waren dort häufig hoch willkommen, denn sie brachten neue Kenntnisse und Fertigkeiten mit. Für viele Landesherren wurde diese Bewegung allerdings zur Gefahr, denn es drohte der Verlust wichtiger Leistungsträger für die damalige Wirtschaftsstruktur. Es begann der heute als Gegenreformation bekannte Prozess. Flucht und Exulantentum begann nicht, wie heute oft vermutet, nach 1648 sondern bereits gegen 1575. Das Schicksal des österreichischen Protestantismus entschied sich bei der Schlacht am weißen Berg 1620. Ich will nur eine Episode schildern die exemplarisch zeigt wie schlimm diese Zeiten in manchen Landesteilen waren:
Der bayerische Statthalter in Oberösterreich zwischen 1620 und 1628, obwohl vorher selbst Protestant, führte die Gegenreformation in Oberösterreichmit besonderer Härte durch. Der Name dieses Mannes war Adam Graf von Herberstorff.

Aus dieser Zeit ist das „Frankenburger Würfelspiel“ als ein Beispiel besonderer Grausamkeit überliefert:
Im Mai 1625 wurde in der protestantischen Pfarrei Frankenburg ein katholischer Pfarrer eingesetzt. Doch der Pfarrer wurde verjagt, das Schloss Frankenburg belagert. Doch schon nach drei Tagen verließ die Aufständischen der Mut. Nachdem ihnen Gnade versprochen war gaben sie die Belagerung auf. Gnade versprach der bereits genannte bayerische Statthalter im Ländle ob der Enns. Am 15. Mai zitierte er die männlichen Bewohner auf das Haushamer Feld zwischen Frankenburg und Völklabruck. Ca. 5000 Männer wurden zusammengetrieben, darunter die 36 mutmaßlichen Rädelsführer der Frankenburger Erhebung. Ohne Prozess wurde ihnen ihre Verurteilung zum Tod mitgeteilt. Herberstorff ließ jedoch sofort die Hälfte von ihnen begnadigen, wozu er die 36 paarweise um ihr Leben würfeln ließ. 17 Verlierer wurden sofort gehängt, der 18 wurde auf Fürbitte des Pflegers der Grafschaft begnadigt. Die erhoffte Wirkung dieser Strafaktion blieb jedoch aus, sondern sie war der Auslöser eines großen Bauernaufstandes der im Jahr 1626 losbrach. Am Schauplatz dieses Frankenburger Würfelspiels steht heute ein Denkmal.
Angesichts der Kenntnis all dieser Zusammenhänge stellt sich mir seit Jahren eine Frage: Nach dem 30 jährigen Krieg taucht anstatt Gerbotendorf der Name Herberstorff in unserer Gemeinde auf ( in alten Karten auch so geschrieben ). Hat dieses Dorf oder haben die neuen Bewohner dieses Dorfes etwas mit dem Frankenburger Würfelspiel zu tun? Weshalb gibt es bei uns in Franken mehrere Siedlungen mit „Herpesdorfern“, obwohl eigentlich kein Zusammenhang zwischen diesen Dörfern besteht? Eine spannende Frage die m. Meinung nach von Historikern beleuchtet werden könnte.

Das Frankenburger Würfelspiel ist nur eine von vielen grausamen Episoden, die in ihrer Gesamtheit den dreisigjährigen Krieg befeuerten, die größte Katastrophe welche die Menschen im Mittelalter erleben mussten. Der Krieg verschlang Unsummen. Die Kriegsmächte Mitteleuropas verschuldeten sich enorm. Und auch nach dem Krieg setzte sich die Gegenreformation fort. Und wieder ging es um wirtschaftliche Interessen: der Krieg war zu Ende und die großen Herrscherhäuser wurden von großen Geldsorgen geplagt. In Österreich waren es die Habsburger Kaiser Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III., die sich zur Kriegsführung enorm verschuldet hatten. Als Geldgeber traten die reiche Fürstbischöfe auf, die auf Schuldentilgung drängten. Deren Kassen waren ebenfalls durch die Finanzierung des Krieges leer. Und dann gab es die Untertanen, die zu 90 % als „lutherische“ konvertiert waren und nicht bereit waren, die verlangten Abgaben zu entrichten. Es war eine Zeit der Gewalt: Leibeigenschaft, Hexenverbrennungen, drakonische Strafen waren an der Tagesordnung. Und es war eine Zeit der Flucht die fast 200 Jahre andauern sollte. Erst im Jahr 1781 legalisierte Joseph II den Protestantismus in Österreich. Der Krieg hinterließ eine verrohte Gesellschaft. Pest, Cholera und Typhus rafften die Menschen dahin. Der Tod war allgegenwärtig. Viele Landstriche waren entvölkert. Und das war überall im Land so. Ob in Österreich, Bayern oder Norddeutschland: es herrschte für uns heute unvorstellbare Not. Einer dieser geschundenen Landstriche war das heutige Mittelfranken und mittendrin unsere Gemeinde: Oberschlauersbach und Hörleinsdorf waren ausgestorben, der letzte noch lebende Gerbotendorfer ( Zitat aus der Heilsbronner Klostergeschichte) zog nach Lentersdorf, in vielen Dörfern lebten nur noch wenige Bewohner. So ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere nach den Verheerungen des 30 jährigen Krieges, immer mehr Landesherren erkannten, dass sich durch die Aufnahme von Exulanten ihre wirtschaftlichen Chancen verbessern konnten. Es begann ein, nach dem heutigen Sprachgebrauch, „Wettlauf um die besten Köpfe“. Ein Ausdruck dieser eher an Nützlichkeitserwägungen als an religiöser Toleranz orientierter Haltung ist ein Ausspruch Friedrichs des II. von Preussen:
Alle Religionen seindt gleich und gut, wan nuhr die leute , so sie profesieren, Ehrlige leute seindt, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollten wir sie Mosqueen und Kirchen bauen Und so erfuhren die Menschen auch in Oberösterreich, dass es hier einen Markgrafen gab, der unter akutem Untertanenmangel litt: Der Markgraf von Ansbach. Ein Markgraf ohne Untertanen war in dieser Zeit ein armer Tropf: ohne Untertanen keine Einnahmen und wer nach Ansbach mit seinen imposanten Gebäuden schaut kann sich vorstellen, dass die Lebensart der Herren dort nicht ganz billig war. (Ich will mit dieser Aussage aber keine parallelen zur Gegenwart herstellen)
Der Markgraf bot Land und berufliche Möglichkeiten und holte so tausende von Menschen aus Österreich in unsere Gegend. Viele dieser Menschen kamen sicherlich nicht nur aus Glaubensgründen: als nachgeborene, als eines von mehreren Kindern gab es in der Heimat und in dieser schwierigen Zeit wenig Perspektiven. Darum bot die Emigration für viele auch eine wirtschaftliche Zukunft. Doch der Weg war gefährlich: von Räubern überfallen erreichten viele ihr Ziel nicht, sondern wurden unterwegs beraubt und ermordet.
Und auch hier in Franken begann das Leben beschwerlich: die Felder und Wiesen waren verbuscht und zugewachsen, es fehlte Geld, die Dörfer und Häuser waren verfallen, geplündert und abgebrannt, es gab kein Saatgut und Zug-und Nutztiere waren nicht vorhanden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Und dann die große Frage: wie wurden diese Menschen mit einem völlig anderen Dialekt, mit anderen Bräuchen und anderen Trachten von den überlebenden Einheimischen aufgenommen? Angesichts heutiger Diskussionen um Integration eine spannende Frage. Bei der Betrachtung spielt möglicherweise die humanistische Grundeinstellung der Hohenzollern, und die Ansbacher waren Hohenzollern, eine Rolle. Bereits in dieser Zeit wurde erkannt, dass Zusammenhänge bestanden zwischen Toleranz und dem Wohlstand eines Landes einerseits sowie Intoleranz und Niedergang andererseits. So kam es, dass Exulanten bald die Wirtschaft ihrer Aufnahmegebiete prägten und erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung beitrugen. Unser Wissen über diese Zeit speist sich aus den Kirchenbüchern. Es kamen ca. 500 Menschen aus verschiedenen Gegenden Österreichs zu uns nach Dietenhofen. Diese Menschen gaben unserer Gemeinde eine neue Zukunft. Entbehrungen und Fleiß zeichneten sie aus und sie blieben über die Jahrhunderte unserer Gegend treu. Die Kirche wurde zu klein, sodass 1667 eine Empore eingezogen werden musste.

Liebe Gäste aus Gresten,

Lieber Leopold,
Das erste Abendmahl mit Beteiligung junger Menschen aus Gresten fand am 10. April 1653 statt. Phillipus, Georgius, Martinus und Paulus Reidlingshöfer werden erstmals als Mitglieder der Kirchengemeinde genannt. Am 23. Oktober werden darüber hinaus auch noch neben Paulus Reidlingshöfer seine Frau Margarethe, seine Schwester Regina sowie das Ehepaar Joseph und Catharina Gsänger genannt. Dies ist das erste Zeugnis dieses Teils unserer Geschichte. Mittlerweile gibt es bei uns fast keine Familie mehr ohne österreichische Vorfahren. Familien wie Redlingshöfer, Röthlingshöfer, Störzenhofecker, Bogenreuter und viele mehr tragen heute noch den Namen ihrer österreichischen Abstammung. Auch unser Bürgermeister hat eine geborene Störzenhofecker als Mutter und ich bin der Nachfahre in der achten Generation von Einwanderern aus Pöggstall.

Doch die Verbindung in die alte Heimat riß ab. Die Zeiten waren wohl zu schwer und die Entfernung zu groß um sich auch noch um Verwandtschaftsbeziehungen zu bemühen. Das Wissen über die Herkunft jedoch blieb. Es hat fast 350 Jahre gedauert bis die abgerissenen familiären Beziehungen wieder aufgenommen wurden Ich bedanke mich heute bei all denen, die versuchen die Begebenheiten und Entwicklungen dieser Zeit zu erforschen, sowohl in Gresten aber auch hier in Dietenhofen. So ist es ein glücklicher Zufall, dass mit Herrn Hans Karner in Gresten und hier bei uns Herr Kurt Schmiedl und die Familie Störzenhofecker aus Kräft diese Zeit äußerst engagiert erforschen und sich umfangreiche Kenntnisse zugelegt haben. Wir alle profitieren davon. Ich habe bei einem Besuch im September die Herzlichkeit der Menschen und die Schönheit der Landschaft genießen dürfen. Zu meiner großen Freude habe ich dabei erfahren, dass auch schon andere Dietenhofener in Gresten waren und meine Eindrücke sicher bestätigen können. Ich habe mit dem Bürgermeister Leopold Latschbacher einen echten Freund kennengelernt und ich freue mich seine Frau Hildegund und ihn hier bei uns begrüßen zu können. Genauso freut es mich heute diese Laudatio halten zu dürfen und nun beizuwohnen zu dürfen, wenn mit dem unterzeichnen der Partnerschaftsurkunde im Rahmen der 775 Jahrfeier wieder zusammengeführt wird, was 350 Jahre getrennt war.

Vielen Dank


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